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22. Dezember 2017 | PM 10/2017

Wenn Migration unfreiwillig endet: Wie kann die Integration von Rückkehrern im Kosovo gelingen?

IAMO Policy Brief 33 diskutiert Chancen und Risiken für die erfolgreiche Reintegration

Der Kosovo steht derzeit vor der Herausforderung, tausende aus Westeuropa zurückgekehrte Migrantinnen und Migranten zu reintegrieren. Neben einem eher geringem Bildungsstand und geringer Qualifikation der Rückkehrenden, wird die Wiedereingliederung vor allem durch die generell sehr schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt behindert. Um die sozioökonomische Situation dieser Menschen besser zu verstehen, fanden im Rahmen einer empirischen Studie knapp 180 Gespräche mit Rückkehrenden statt. Die daraus gewonnen Ergebnisse wurden im Dezember 2017 von IAMO-Wissenschaftlerin Dr. Judith Möllers gemeinsam mit Dr. Diana Traikova, Professor Thomas Herzfeld und Egzon Bajrami im IAMO Policy Brief 33 „Wenn Migration unfreiwillig endet: Wie kann die Integration von Rückkehrern im Kosovo gelingen?“ veröffentlicht. In der Publikation werden die Chancen und Risiken für die erfolgreiche Reintegration diskutiert und Politikempfehlungen aufgezeigt.

Die dem IAMO Policy Brief zugrunde liegende Studie deutet auf vier Schlüsselprobleme mit hoher Relevanz für die Wiedereingliederung von Rückkehrenden hin: ihre ökonomische Verwundbarkeit, ihre eher geringe Qualifikation, ihr Gesundheitszustand und die Bleibeintention.

Die Rückkehrenden waren bereits zum Zeitpunkt der Ausreise tendenziell den unteren Einkommensschichten zuzuordnen. Die kostenträchtige Migration hatte in vielen Fällen jedoch zusätzlich Abstiegsmobilität und Verschuldung zur Folge. Meist hängen viele Haushaltsmitglieder vom Einkommen eines einzigen Arbeitstätigen ab, welches dazu noch oft aus Gelegenheitsarbeit und nicht aus einer regulären Anstellung kommt. Nur ein Viertel der Befragten ging zum Zeitpunkt des Interviews einer entlohnten Tätigkeit nach, 88 Prozent gaben an, auf Arbeitssuche zu sein.

Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist insofern erschwert als die Mehrheit bestenfalls einen Mittelschulabschluss, jedoch nur wenig Arbeitserfahrung oder berufsrelevante Qualifikationen vorzuweisen hatten. Neben der Qualifikation ist die physische und psychische Leistungsfähigkeit ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Für die Rückkehrenden wurde nicht nur eine sehr niedrige Zufriedenheit im Hinblick auf ihre Lebenssituation, sondern auch eine erhöhte körperliche und psychische Belastungssituation festgestellt. Gesundheitliche Gründe waren nicht nur der zweitwichtigste Grund für den Entschluss, dass Land zu verlassen, sondern wurden offenbar durch die zum Teil traumatisierende Erfahrung von Migration und unfreiwilliger Rückkehr verstärkt und auch explizit als Problem für die Reintegration benannt. Es ergibt sich hieraus eine Gemengelage, bei der unfreiwillige Rückkehr mit Misserfolg bei der Wiedereingliederung und dem Wunsch nach Wiederausreise einhergeht. Mehr als 40 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Bleibewahrscheinlichkeit im Kosovo bei maximal 20 Prozent liege. Für mehr als zwei Drittel der Befragten lag die Wahrscheinlichkeit für eine erneute Abwanderung höher als die des Verbleibens im Kosovo.

Um den Teufelskreis aus missglückter Eingliederung und erneuter Abwanderung zu durchbrechen, wären Maßnahmen in verschiedenen Bereichen nötig. Zunächst könnte jede Politikmaßnahme mit positivem Effekt auf den kosovarischen Arbeitsmarkt auch den Erfolg der Reintegration von Migrantinnen und Migranten positiv beeinflussen. In Anbetracht der eher geringen Qualifikation, sollte der Fokus insbesondere auf solche Sektoren und Beschäftigung gerichtet werden, bei denen die Hürden des Einstiegs eher niedrig liegen. Wichtig ist es zudem, ein Umfeld zu schaffen, in dem unternehmerische Tätigkeiten gefördert werden und vor allem soziale Sicherheit, Bildung und ein funktionierendes Gesundheitswesen gewährleistet sind. Ohne einen solchen unterstützenden infrastrukturellen und institutionellen Rahmen, könnten hohe Wiederausreiseraten die Erfolge der Reintegrationsbemühungen unterminieren. Neben diesen sicherlich eher mittelfristig zu erreichenden Zielen, sollte der Kosovo seine Anstrengungen kurzfristig darauf richten, Zielgruppen effektiver zu identifizieren und anzusprechen, um die bislang eher verhaltene Nutzung von vorhandenen Reintegrationsmaßnahmen zu erhöhen und ihre Zielgenauigkeit zu verbessern. Die europäischen Zielländer, sollten durch Vereinbarungen über zirkuläre Migration, zum Beispiel für Saisonarbeit, dazu beitragen, den kosovarischen Arbeitsmarkt und gleichzeitig die Asylsysteme in den Zielländern zu entlasten. Auch die Information über legale Migrationsmöglichkeiten und die Voraussetzungen hierfür sollten verbessert und langwierige bürokratische Prozesse verkürzt werden.

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Weitere Informationen

Der IAMO Policy Brief 33 „Wenn Migration unfreiwillig endet: Wie kann die Integration von Rückkehrern im Kosovo gelingen?“ ist in der deutschen und englischen Sprache erschienen und kann auf der nachfolgenden Internetseite kostenfrei heruntergeladen werden: www.iamo.de/publikationen/iamo-policy-briefs. Des Weiteren wird Anfang nächsten Jahres eine Version in albanischer Sprache veröffentlicht.

IAMO Policy Briefs

Mit den IAMO Policy Briefs bezieht das IAMO aufbauend auf die eigene Forschung zu wichtigen agrarpolitischen Fragen Stellung. In der Publikationsreihe werden verschiedene gesellschaftsrelevante Themen kurz und allgemeinverständlich dargestellt. Zur Zielgruppe zählen insbesondere Entscheidungsträger der Politik, Wirtschafts- und Medienvertreter sowie die interessierte Öffentlichkeit. Seit 2011 werden die IAMO Policy Briefs in unregelmäßiger Folge veröffentlicht.

Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

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