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29. Juni 2017 | PM 07/2017

Weltweite Zusammenarbeit erforderlich, um globale Nahrungsmittelsysteme für eine nachhaltige Zukunft neu zu gestalten

Vom 21. – 23. Juni 2017 trafen sich in Halle (Saale) internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wirtschaft zum IAMO Forum 2017, um über Ernährungssicherheit und Handel im Kontext von Globalisierung und geopolitischen Spannungen zu debattieren.

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle (Saale) betreibt in weltweit einmaliger Weise die grundlagen- und anwendungsorientierte Erforschung des Agrar- und Ernährungssektors sowie der ländlichen Räume der ehemals planwirtschaftlichen Ökonomien Europas und Asiens im Kontext internationaler Entwicklungen. Einmal jährlich lädt das Institut zum IAMO Forum ein. 126 Teilnehmende aus 23 Nationen waren zum IAMO Forum 2017, vom 21. – 23. Juni, zu Gast in Halle (Saale). Thema der Konferenz war 2Eurasian Food Economy between Globalization and Geopolitics2. Dazu wurden drei Plenarsitzungen, 18 Parallelsitzungen und eine Podiumsdiskussion ausgerichtet.

Eröffnet wurde die Konferenz vom Direktor des IAMO Prof. Dr. Thomas Glauben. Glauben wies in seiner Rede auf sich ändernde geopolitische Konstellationen hin, die nicht zuletzt eine Umorientierung von Globalisierungsstrategien und Handelsbeziehungen nach sich ziehen werden. Er betonte, dass es nach dem massiven Rückzug der USA aus dem internationalen Handelsgeschehen nun in der Verantwortung der drei großen wirtschaftlichen Machtzentren Eurasiens, China, der Europäischen Union sowie der Russischen Föderation, liegen werde, eine kooperativ gestaltete und zugleich liberale Handelsordnung zu gewährleisten. Höhepunkt des ersten Konferenztages war die Plenarsitzung "The Changing Face of Globalization - How Does it Challenge the Eurasian Food Economy?". Der erste Redner, Prof. Dr. Bernard Hoekman, Direktor Weltwirtschaft am Robert-Schuman-Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts in Florenz, Italien, wies in seinem Vortrag auf das exponentielle Wachstum der digitalen Handelsströme und die zunehmende Bedeutung der Dienstleistungswirtschaft hin. In diesem Sektor sei die regulatorische Heterogenität, also die Diskrepanz zwischen den Vorschriften der einzelnen Staaten bzw. die Vielzahl der Vorschriften, eine dringlichere Herausforderung als traditionelle Handelsbarrieren oder Subventionen. Aus seiner Sicht sollten Handelsabkommen des 21. Jahrhunderts hier ansetzen. Prof. Dr. Tim Josling von der Stanford University, USA, gab einen umfassenden Überblick über bestehende und in Vorbereitung befindliche Handelsabkommen. Der Trend zu mega-regionalen Handelsabkommen sei durch die aktuellen Entwicklungen in Großbritannien und den USA, also den Brexit und den Regierungswechsel im Weißen Haus, gestoppt. Er hob hervor, dass allerdings die EU derzeit mit 28 Staaten über Handelsabkommen im Gespräch sei und insbesondere ihre Beziehungen auch nach Asien ausbaue. Dr. Roman Mogilevskii von der University of Central Asia, Kirgistan, richtete den Fokus auf Zentralasien. Er erläuterte, dass die Region stark abhängig vom Export von Öl und Gas und somit von den Preisentwicklungen auf dem Energiemarkt sei. In Bezug auf den Export von Erzeugnissen der Agrar- und Lebensmittelindustrie empfahl er, auf Qualitäts- und Nischenprodukte zu setzen. Dr. Natalya Volchkova, Professorin an der New Economic School in Moskau, Russland, und Policy Direktorin am Centre for Economic and Financial Research (CEFIR), konzentrierte sich in ihrem Vortrag auf globale Wertschöpfungsketten in der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Sie beleuchtete die Vorwärts- und Rückwärtsintegration in den Wertschöpfungsketten einzelner Länder.

Im Fokus der Plenarsitzung am zweiten Konferenztag stand die Frage "Geopolitical Conflicts and Macroeconomic Downturns: How Can the Global Food Economy Deal With it?". Dr. Josef Schmidhuber von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gab einen Ausblick auf globale landwirtschaftliche Trends. Selbst auf lange Sicht, so das Ergebnis seiner Untersuchungen, werde es den noch vor wenigen Jahren befürchteten steilen Anstieg des Agrarpreisniveaus und der Schwankungsintensität der Agrarpreise nicht geben. Stattdessen werde eine global intensivierte Vorratshaltung Preisschwankungen dämpfen. Weiterhin könne die chinesische Nachfrage nach Lebensmitteln aufgrund des verlangsamten Bevölkerungswachstums und erheblicher Produktivitätsfortschritte leichter gedeckt werden. Darüber hinaus entwickle sich die Nachfrage nach Biokraftstoffen deutlich verhaltener als zunächst angenommen. Dr. Bettina Rudloff von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin befasste sich mit der Wiederkehr des Protektionismus und dem neuen "Wirtschaftsnationalismus". Weltweit, aber vor allem in den USA, sei ein wachsendes gesellschaftliches Misstrauen gegen Freihandel und Handelsliberalisierung zu beobachten. Verantwortlich dafür ist aus ihrer Sicht auch die mangelnde Transparenz der Verhandlungsprozesse. Handelspolitik werde global zunehmend zu Migrationspolitik. Dr. Federica Saliola von der Weltbank sprach sich für eine effiziente, aber nicht überbordende Regulierung von landwirtschaftlichen Betrieben aus. Neuere empirische Studien belegten, dass eine qualitätsvollere Regulierung auch die Effizienz in der Agrarproduktion steigere. Prof. Dr. Xiaobo Zhang, Wirtschaftsprofessor an der Universität Peking, China, und Wissenschaftler am International Food Policy Research Institute (IFPRI), gab Einblicke in die Entwicklungen und Herausforderungen der asiatischen Landwirtschaft. Die notwendige Mechanisierung chinesischer Kleinstbetriebe werde durch funktionierende agrarische Dienstleistungsmärkte in effizienter Weise ermöglicht. Mechanisierung durch Outsourcing sei somit eine erfolgversprechende Strategie zur Produktivitätssteigerung von kleinbäuerlicher Produktion.

In der Plenarsitzung am dritten Konferenztag forderte der Generaldirektor des International Food Policy Research Institute (IFPRI), Dr. Shenggen Fan, in seinem Vortrag "Sustainable Food Systems in a Global Economy: Eurasia and Beyond" eine Neugestaltung des globalen Ernährungssytems. Weltweit hungerten 795 Millionen Menschen, darüber hinaus litten zwei Milliarden an "verborgenem Hunger", also an Vitamin- und Mineralstoffmangel. In Zentralasien seien 12,5 Prozent der unter fünfjährigen von Mangelernährung betroffen und 10,7 Prozent von ihnen übergewichtig. Dies habe auch zukünftig massive Auswirkungen auf die Gesundheit des Einzelnen und die Gesundheitssysteme. Gleichzeitig steige die Anfälligkeit des globalen Nahrungsmittelsystems. Risikofaktoren seien der Klimawandel, extreme Wetterbedingungen, Ressourcenknappheit, aber auch politische Konflikte und wachsende Wohlfahrtsungleichheit. Die Landwirtschaft, die 70 Prozent der globalen Wasservorkommen und 34,3 Prozent der Landflächen verbrauche, müsse laut Fan ein Teil der Lösung werden. Das Ziel sei die Produktion nährstoffreicher Nahrungsmittel bei reduziertem Einsatz von Düngemitteln und Wasser sowie geringeren Kohlenstoffemissionen. Zudem sprach er sich für die Einführung von Steuern auf ungesunde und nicht nachhaltig produzierte Nahrungsmittel und Strategien zur Verringerung der Lebensmittelverschwendung aus.

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde die Frage nach praktischen Herausforderungen bei der Entwicklung innovativer und nachhaltiger Nahrungsmittelketten in Eurasien gestellt. Auf dem Podium saßen Ivonne Julitta Bollow, von der METRO Cash & Carry, IAMO-Wissenschaftlerin Dr. Linde Götz, Judith Kons vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Sayat Shortan von der in Kasachstan ansässigen Triesdorf Agro LLP, Dr. Josef Schmidhuber von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), sowie Dr. Olga Trofimtseva, stellvertretende Ministerin für Agrarpolitik und Ernährung der Ukraine. Moderiert wurde die Diskussion von Prof. Dr. Jens-Peter Loy von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Zunächst wurden aktuelle Herausforderungen für die Entwicklung nachhaltiger Nahrungsmittelketten in Eurasien diskutiert. Vizeministerin Trofimtseva wies auf die entscheidende Rolle von Handelsabkommen für die Funktionalität von Nahrungsmittelketten hin. Weiterhin betonte sie die Bedeutung des Klimawandels und nachhaltiger Produktion. So produziere die Ukraine, die Kornkammer der Welt, vermehrt auch Lebensmittel in ökologischer Landwirtschaft. Für Sayat Shortan, Agrarunternehmer aus Kasachstan, ist die Unterfinanzierung des Agrarsektors eines der dringlichsten Probleme. Zudem seien die Zinssätze für Kredite in Kasachstan weitaus höher als in Westeuropa. Diese finanziellen Beschränkungen hemmten die Aktivitäten lokaler Akteure und bedingten die Dominanz global tätiger Unternehmen auf dem kasachischen Markt. Laut Ivonne Julitta Bollow ist der Anspruch der METRO, in allen 25 Vertriebsländern zu 90 Prozent lokale Produkte anzubieten. Die große Herausforderung bei lokalem Einkauf liege, laut Bollow, jedoch darin, Unternehmensansprüche hinsichtlich Sicherheit, Qualität, Verlässlichkeit und Preis zu gewährleisten. Hinderlich für Investoren seien zudem informelle Strukturen und Korruption. Schmidhuber verwies darauf, dass die zentralasiatischen Länder in hohem Maß abhängig von den Überweisungen von im Ausland arbeitender Migranten seien, weshalb eWährungen ein großes Potential bergen. Einig waren sich die Diskutierenden, dass es nachhaltiger internationaler Standards für Lebensmittelwertschöpfungsketten bedürfe.

Weiterhin wurden geopolitische Herausforderungen in der Region diskutiert. Judith Kons erläuterte, dass die Eurasische Union noch kein einheitlicher Wirtschaftsraum sei und Russland Partner innerhalb der Union mit Sanktionen belege. Zunächst müssten diese internen Fragen in der Eurasischen Union geklärt sein, bevor aus Sicht der Bundesregierung die Vision eines einheitlichen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Vladivostok diskutiert werden könne. Linde Götz verwies darauf, dass Russland derzeit heimische Nahrungsmittelproduzenten mit viel Geld subventioniere, um das Wachstum der nationalen Agrar- und Lebensmittelwirtschaft zu forcieren. Die Nachhaltigkeit dieser Entwicklungen werde sich aber erst noch erweisen müssen, wenn das russische Importverbot von Lebensmitteln gegenüber den westlichen Ländern aufgehoben und diese dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt werden. Gerade die jüngsten Entwicklungen zeigten, dass Wirtschaftssanktionen nicht nur höchst fragwürdig hinsichtlich der Durchsetzung politischer Ziele sind, sondern dass durchaus versucht werde, diese zur Erreichung ökonomischer Ziele zu instrumentalisieren. Die Sanktionen der westlichen Länder gegenüber Russland sollten deshalb einmal mehr hinterfragt werden.

Das IAMO Forum 2017 wurde vom IAMO mit technischer Unterstützung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und in Partnerschaft mit dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (OA) ausgerichtet. Gefördert wurde die Konferenz von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Leibniz-WissenschaftsCampus "Eastern Europe – Global Area" (EEGA), dem Leibniz-Forschungsverbund "Krisen einer globalisierten Welt" und der Stadt Halle (Saale). Weitere Informationen zur Konferenz unter www.iamo.de/forum/2017.

Im kommenden Jahr wird das IAMO Forum vom 27. – 29. Juni 2018 stattfinden. Im Fokus des IAMO Forum 2018 steht dann das Thema "Large-scale agribusiness – between profit and societal value".

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Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

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