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22. August 2019 | PM 05/2019

Diversifizierten und unternehmerisch ausgerichteten Landwirten gehört die Zukunft (unabhängig von ihrer Größe)

Mehr als 190 Expertinnen und Experten aus Forschung, Wirtschaft und internationalen Organisationen diskutierten beim diesjährigen IAMO Forum über Herausforderungen und Perspektiven für landwirtschaftliche Kleinbetriebe.

Vom 26. - 28. Juni 2019 fand das IAMO Forum 2019 zum Thema „Small farms in transition: How to stimulate inclusive growth?“ statt. Mit 193 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 32 Nationen verzeichnete die Konferenz in diesem Jahr einen Besucherrekord. Im Mittelpunkt standen die landwirtschaftlichen Klein- und Familienbetriebe, deren Zahl derzeit auf ca. 570 Millionen weltweit geschätzt wird. Ihre Rolle bei der Bekämpfung von Hunger und Armut ist von enormer Bedeutung. In den Entwicklungsländern produzieren Kleinbauern rund 80 Prozent der gesamten Lebensmittel, die allerdings zu einem großen Teil durch die Haushalte selbst verbraucht werden. Doch ihre zukünftige Entwicklung ist umstritten und Förderprogramme begünstigen häufiger mittlere und Großbetriebe. Über geeignete Entwicklungsstrategien und aktuelle Erkenntnisse diskutierten die internationalen Fachleute in drei Plenarsitzungen, einer Sondersitzung, 18 Parallelsitzungen und einer Podiumsdiskussion.

Die Konferenz wurde von IAMO-Direktor Thomas Herzfeld eröffnet. In seinen einleitenden Worten betonte er die wichtige Rolle der kleinen Landwirtinnen und Landwirte bei der Bereitstellung von Nahrungsmitteln, Kraftstoffen und Fasern für die Weltbevölkerung und besonders für Transformationsländer. Zwar gäbe es keinen allgemeinen Konsens über die Definition von Kleinbetrieben, aber die Ansicht, dass neben der Betriebsgröße auch andere sozio-ökonomische Größen wie das Haushaltseinkommen und der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen berücksichtigt werden sollten, wird von vielen Expertinnen und Experten geteilt. Darüber hinaus beziehen einige Beobachterinnen und Beobachter auch den Grad der Teilhabe an politischen Diskussions- und Entscheidungsprozessen als Kriterium ein. Neben dem Fehlen einheitlicher Größengrenzen führt die oft beschränkte Datenverfügbarkeit zu Schätzungen zur Verbreitung von Kleinbetrieben. Gemessen an der durchschnittlichen Betriebsgröße, deuten Statistiken auf eine abnehmende Zahl landwirtschaftlicher Betriebe in Ländern mit höherem Einkommen, während sie in Ländern mit niedrigerem Einkommen in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat. Viele Expertinnen und Experte teilen die Ansicht, dass die übergroße Mehrzahl der Kleinbetriebe weitere Einkommensquellen benötigt, um im ländlichen Raum auch in Zukunft leben zu können.

Zunächst gab George Rapsomanikis von der FAO einen Einblick in die Lebensumstände kleiner Familienbäuerinnen und -bauern. Als Hauptmerkmal kleiner Betriebe kennzeichnete er ihre vielfältigen, auf Risikominimierung abzielenden Produktionsstrukturen. Sie konzentrieren sich auf den Anbau stärkehaltiger Grundnahrungsmittel für den Eigenbedarf. Zudem seien kleine Landwirtschaftsbetriebe außerordentlich produktiv, sowohl bezogen auf die genutzte landwirtschaftliche Fläche als auch auf die Arbeitsleistung der Familien. Verglichen mit größeren Produktionsstätten haben sie oft eine höhere Produktdiversität und höhere Erträge pro Fläche. Dennoch leben viele Kleinbäuerinnen und -bauern in Armut. Die größten Herausforderungen stellen laut Rapsomanikis die Anpassungen an den Klimawandel, das hohe Bevölkerungswachstum sowie das Fehlen von und/oder der fehlende Zugang zu Märkten für die Produkte der Kleinbäuerinnen und -bauern dar. Unterstützende Maßnahmen müssen daher in erster Linie Investitionen in Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur sowie die Förderung von „intelligenten Agrartechnologien“ sein. Durch die Entwicklung von innovativen Geschäftsmodellen könnten kleine Erzeugerinnen und Erzeuger außerdem in Wertschöpfungsketten eingebunden werden.

Als zweiter Plenarredner sprach Petr Jehlička von der Open University, London, über die in Mittel- und Osteuropa weit verbreitete Praxis der Selbstversorgung mit Lebensmitteln (Food Self Provisioning - FSP). Während bereits zu sozialistischen Zeiten viele Menschen einen Teil ihrer Nahrung in Kleingärten selbst anbauten, sei die Zahl der Gärten seit Beginn der 90er Jahre nochmals rapide angestiegen. Die Praxis der Selbstversorgung ist dabei unabhängig von gesellschaftlicher Schicht und Einkommen und geschieht nicht vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen. Vielmehr spielen soziale Aspekte eine Rolle, wie der Wunsch nach frischen und gesunden Erzeugnissen, das Erlernen neuer Fähigkeiten/neuen Wissens, die Gemeinschaft untereinander sowie das Teilen der eigenen Ernte. Hinzu kommt, dass der Anbau im eigenen Garten zumeist mit weniger chemischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, also nachhaltig und umweltbewusst, erfolgt. Selbstversorgung sei somit ein „stiller“ Beitrag zu einer Nachhaltigkeitsstrategie in der Landwirtschaft („quiet sustainabilty“). Insgesamt wertet Jehlička diese Entwicklung als Zeichen einer hohen Widerstandsfähigkeit in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, weshalb es auch für andere Länder ein empfehlenswertes Konzept sein kann. Dennoch sei es weder Allheilmittel noch Alternative zur formalen Ernährungswirtschaft sondern eher eine wertvolle Ergänzung dazu.

Anlässlich des 25-jährigen Institutsjubiläums fand am Nachmittag des ersten Konferenztags ein Festakt statt, zu dem eine Vielzahl an Gästen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft geladen waren. In ihren mit Glückwünschen verbundenen Grußworten lobten der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Michael Stübgen, der Staatssekretär im Wissenschaftsministerium Sachsen-Anhalt, Thomas Wünsch, sowie Leibniz-Präsident Professor Matthias Kleiner die Leistungen des IAMO bei der Erforschung des Agrar- und Ernährungssektors in den ehemaligen zentralplanwirtschaftlichen Ländern in Ost- und Südosteuropa, Zentralasien und China. Besonders gewürdigt wurde die Vernetzung und der Austausch mit den Partnereinrichtungen in den Zielländern, die Interdisziplinarität und methodische Breite der Forschungsthemen, die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie die engagierte Drittmittelstrategie des Instituts.

Im anschließenden Festvortrag sprach der Wirtschaftswissenschaftler Aleksander V. Gevorkyan von der St. John’s University in New York über die Entwicklungen in den postsozialistischen kleinen Volkswirtschaften seit der politischen Wende vor 30 Jahren. Nicht alle Transformationsländer hätten sich bereits von den wirtschaftlichen Verlusten durch den Wegfall der sozialistischen Handelsbeziehungen erholt. Blickt man auf die vorwiegend durch Kleinbäuerinnen und -bauern organisierte Landwirtschaft Georgiens, Armeniens oder der Republik Moldau, wird deutlich, dass trotz erheblicher Anteile der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) und einer bedeutenden Rolle bei der Beschäftigung die Staatsausgaben und Kredite für den Agrarsektor gering sind. Notwendig sei die Entwicklung eines nachhaltigen Agrarfinanzierungssystems mit optionalem Fokus auf kleine Einzelbetriebe und ein Zugang zu erschwinglichen Krediten mit angemessenen Bedingungen. In seinem Vortrag plädierte Gevorkyan außerdem dafür, bei der Planung von Maßnahmen zur Erreichung langfristiger Entwicklungsziele die individuellen Länderspezifika und ihre Geschichte noch stärker zu berücksichtigen. Diese Merkmale können bei länderübergreifenden vergleichenden Analysen dazu beitragen, Erfolge oder Misserfolge von Reformen bzw. von wirtschaftlichen Leistungen zu erklären.

Am zweiten Konferenztag gab Plenarredner Stephen Wegren, Professor an der Southern Methodist University in Dallas, einen Ausblick auf die Zukunft der Kleinbäuerinnen und -bauern in Russland. Landwirtschaftliche Kleinbetriebe und Hausgärten waren in den ersten Jahren nach dem politischen und wirtschaftlichen Umbruch ein wichtiger Lieferant von Lebensmitteln. Seit den 2000er Jahren übernehmen jedoch private Landwirtschaftsbetriebe und insbesondere Agroholdings und Mega-Farmen die Nahrungsversorgung in Russland. Vor allem diese landwirtschaftlichen Großbetriebe profitieren von der staatlichen Politik und den Subventionen. Während Kleinbetriebe und -gärten wegen ihres Freizeitwertes immer existieren werden, ist ihre ökonomische Bedeutung innerhalb des landwirtschaftlichen Produktionssystems im heutigen Russland vernachlässigbar. Zukunftspotenzial für kleine und mittlere Betriebe in Russland liegt laut Wegren insbesondere in der Herstellung hochwertiger handwerklicher Produkte wie z. B. Käse und biologisch angebauter Lebensmittel.

Heather Zhang, Professorin an der University of Leeds, schilderte anschließend die Situation der Kleinbäuerinnen und -bauern und der agrarpolitischen Entwicklung in China. Kleine Farmen spielen in China nach wie vor eine wichtige Rolle bei der Nahrungsversorgung der chinesischen Bevölkerung. Die Markt- und Politikreformen der späten 1970er und 1980er Jahre hatten für ein Wiederaufleben des Familienbetriebs gesorgt und die ländliche Wirtschaft angekurbelt. Damit gingen ein Anstieg der landwirtschaftlichen Einkommen und eine Verringerung der Armut einher. Seither sind die ländlichen Gebiete jedoch vom Wirtschaftswachstum entkoppelt. Die soziale Ungleichheit zwischen ländlichen und städtischen Regionen nimmt stetig zu, z. B. beim Einkommen und der Lebenserwartung. Zhang kritisierte, dass diese Situation durch die Vernachlässigung der ländlichen Infrastruktur und eine massive Abwanderung aus den ländlichen Gebieten noch verschärft worden sei. Um diesem Trend entgegenzuwirken, setze die chinesische Regierung allerdings seit einigen Jahren eine Reihe von Maßnahmen zur Unterstützung der Kleinbäuerinnen und -bauern um, wie zum Beispiel die Senkung und Abschaffung von Agrarsteuern und -gebühren, die Erhöhung von Subventionen sowie Marktinterventionen zugunsten von Kleinbäuerinnen und -bauern.

Der dritte Konferenztag widmete sich im Rahmen von zwei moderierten Podiumsdiskussionen konkreten Hilfeleistungen für Kleinbäuerinnen und -bauern. Am Vormittag diskutierten Sergiy Zorya von der Weltbank, Sara Savastano vom Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) sowie Boban Ilic von der Ständigen Arbeitsgruppe für regionale ländliche Entwicklung in Südosteuropa (SWG in SEE) die Frage, wie die Weltbank und andere internationale Einrichtungen noch besser auf die Bedürfnisse der Kleinbäuerinnen und -bauern in Transformationsregionen eingehen können.

Sergiy Zorya fasste zunächst die Stärken und Schwächen von Kleinbetrieben in Zentralasien zusammen. Im Verhältnis zur Fläche erwirtschafteten sie oft höhere Erträge als Großbauern, ihre Produkte sind profitabel und marktorientiert, zudem können sie flexibel auf Marktchancen reagieren. Ihre Schwachpunkte liegen in der Sicherstellung einheitlicher Qualitäts- und Lebensmittelsicherheitsstandards, dem kleinen Produktionsvolumen, der geringen Professionalisierung sowie dem Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten aufgrund fehlender Sicherheiten. Eine stärkere Zusammenarbeit, z. B. in Form von Genossenschaften, wäre sinnvoll, wird aber aufgrund der Erfahrungen in der zentralplanwirtschaftlichen Vergangenheit abgelehnt. Um die Höfe zu professionalisieren und noch besser in Wertschöpfungsketten zu integrieren, sind laut Zorya innovativere und proaktivere Regierungen notwendig, die derzeit sehr die Großbetriebe begünstigen. Zorya sieht die Rolle der Weltbank vor allem darin, den politischen Dialog zu fördern. Sie wolle aufgrund der staatlichen Kapazitätsgrenzen öffentliche Güter und Dienstleistungen für die Agrarwirtschaft finanzieren und den Zugang der Kleinbäuerinnen und -bauern dazu sicherstellen. Weitere Maßnahmen sind Subventionen für Investitionen in gemeinsame Vermögenswerte sowie die Unterstützung produktiver Partnerschaften mit Agrarunternehmen (Beispiel: dragon head enterprises in China). Auch weiterhin werden Kleinbäuerinnen und -bauern eine essentielle Rolle in der Landwirtschaft  Zentralasiens einnehmen, schließt Zorya. Doch nur durch einen gesicherten Landbesitz und Pachtmarkt sowie mithilfe einer innovativen Agrarpolitik kann der Strukturwandel hin zu professioneller und kommerzieller arbeitenden Betrieben vollzogen werden.

Im zweiten Beitrag stellte Sara Savastano, Direktorin für Forschung und Wirkungsanalyse beim IFAD, das Wirkungsanalyse-Verfahren des IFAD vor. Die Organisation vergibt zinsgünstige Darlehen und Zuschüsse an Entwicklungsländer zur Finanzierung von Projekten und Programmen zur ländlichen Entwicklung mit dem Ziel, ihre Ernährungssicherheit zu verbessern, die Einkommen zu erhöhen und ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken. Der IFAD hat ein mehrstufiges System zur Beurteilung der Wirkungen solcher Kredite entwickelt. Es kontrolliert, ob beobachtete Veränderungen tatsächlich auf Entwicklungsprojekte zurückzuführen sind. Savastano erklärte, dass ein einfacher Vergleich von Gebieten mit und ohne Hilfsprojekte oder der Vergleich von Indikatoren vor und nach Projekten häufig Faktoren vernachlässigt, die ebenfalls Veränderungen verursachen, z. B. wirtschaftliche Faktoren, Naturkatastrophen oder Konflikte. Die Wirkungsanalysen des IFAD sollen die zurechenbaren Auswirkungen der Hilfsprojekte besser als bisher erfassen.

Der dritte Diskussionsteilnehmer Boban Ilic, Vertreter der Ständigen Arbeitsgruppe für regionale ländliche Entwicklung in Südosteuropa (SWG in SEE) sprach in seinem Vortrag über den regionalpolitischen Dialog und Multi-Stakeholder-Ansatz zur sozioökonomischen Entwicklung ländlicher Gebiete in den westlichen Balkanländern. Als Ziele der SWG benannte er die Förderung der regionalen Zusammenarbeit, die Koordinierung der sektorübergreifenden Politik und die lokale, gemeindebasierte Entwicklung. Die regionale Zusammenarbeit ziele auf eine Erleichterung des regionalen und politischen Dialogs zwischen den westlichen Balkanländern sowie der institutionellen Zusammenarbeit durch den Aufbau und die Begleitung regionaler technischer Arbeitsgruppen. Die sektorübergreifende politische Koordinierung konzentriere sich auf die Verbesserung evidenzbasierter Entscheidungsprozesse durch die Durchführung von Bewertungen und die Veröffentlichung von Berichten zur landwirtschaftlichen und ländlichen Entwicklung. Die lokale gemeindebasierte Entwicklung ziele darauf ab, in ausgewählten Gebieten mit ähnlichen Entwicklungsherausforderungen die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu fördern und somit ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu unterstützen.

In der anschließenden Diskussion wies Sergiy Zorya darauf hin, dass neben traditionellen Mechanismen wie Produktivitätssteigerung, Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in der Landwirtschaft, Infrastrukturentwicklung, Stärkung landwirtschaftlicher Genossenschaften auch neue Mechanismen entscheidend seien, die es Kleinbäuerinnen und -bauern ermöglichten, rentable und arbeitsintensive Produkte herzustellen und ihnen Zugang zu öffentlichen Finanzgütern gewährten. Sara Savastano hob hervor, dass die Arbeit des IFAD auf Zusammenarbeit, Kommunikation, Integration sowie die weite Verbreitung von Wissen abziele. Akademien, Forschungszentren, öffentliche und private Institutionen generierten dieses Wissen, das wiederum genutzt werde von globalen Organisationen, Geldgebern, politischen Entscheidungsträgern, dem Privatsektor, NGOs, einzelnen Produzentinnen und Produzenten sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern und somit auch den Ärmsten der Bevölkerung zugutekäme. IAMO-Wissenschaftler und Moderator der Diskussion Nodir Djanibekov schlug schließlich vor, dass sich sowohl die Produzentinnen und Produzenten als auch die Nutzerinnen und Nutzer von Wissen stärker auf landwirtschaftliche Wachstumsmodelle konzentrieren sollten, zu denen oft auch arme Kleinbäuerinnen und -bauern gehörten.

In der von Sophia Davidova moderierten abschließenden Podiumsdiskussion ging es um die Frage, wie angesichts der aktuellen Trends und Entwicklungen die Kleinbäuerinnen und -bauern noch stärker von den Angeboten der internationalen Organisationen profitieren könnten. Es diskutierten Sergiy Zorya, Sara Savastano, Aleksandr Petrikov und Lino Dias.

In einer kurzen Präsentation verwies Sara Savastano vom IFAD auf die aktuellen Entwicklungen, die die Zukunft der Kleinbäuerinnen und -bauern besonders herausforderten. Dies seien vor allem der Klimawandel, Ressourcenknappheit, Urbanisierung, technologischer Wandel, Migration und der Wandel der Arbeit.

Sergiy Zorya von der Weltbank warf einen Blick auf die zukünftige Entwicklung landwirtschaftlicher Kleinbetriebe. Während Semi-Subsistenzfarmen in den entwickelteren Ländern selten werden, ist ihr Fortbestand in den Entwicklungsländern sehr wahrscheinlich. Aber auch in den Entwicklungsländern werden kleine marktintegrierte (kommerzielle) Betriebe die Zukunft dominieren. In entwickelten Volkswirtschaften wird dieser Betriebstyp zunehmend von größeren Betrieben übernommen. Städtische Kleinstbetriebe werden aufgrund des technologischen Fortschritts, des Klimawandels (weniger verfügbare Flächen) und der veränderten Einstellung der Verbraucherinnen und Verbraucher zu Lebensmitteln immer beliebter und ein gesellschaftlicher Trend.

Der dritte Podiumsteilnehmer Lino Dias, Vizepräsident Smallholder Farming bei der Bayer AG, präsentierte die Perspektive eines großen Unternehmens das Produktionsfaktoren für Landwirtinnen und Landwirte produziert. Im Umgang mit der kleinbäuerlichen Landwirtschaft spielen sowohl unternehmerische Interessen als auch soziale Verantwortung eine Rolle. Er stellte verschiedene Beispiele für den „Better Life“-Ansatz von Bayer vor, bei dem Kleinbäuerinnen und -bauern in Programme integriert werden, die ihnen helfen, einen besseren Marktzugang zu erhalten und ihre Einkommen zu steigern. Für eine höhere Reichweite ist seines Erachtens eine Ausweitung erfolgreicher Programme erforderlich.

Der Beitrag von Aleksandr Petrikov, Direktor des Nikonov-Allrussischen Instituts für landwirtschaftliche Probleme und Informatik (VIAPI), machte deutlich, dass in Russland der Wert kleiner Betriebe oft unterschätzt wird. Deren Definition sich aber deutlich von der internationalen Perspektive unterscheidet. So nehme die Bedeutung von Kleinbetrieben nach russischem Maßstab in verschiedenen Bereichen sogar zu (mit Ausnahme des Schweine- und Geflügelsektors, der von Großunternehmen dominiert wird). Petrikov zufolge hängt die Zukunft der kleinen landwirtschaftlichen Betriebe in Russland jedoch stark von der Politik ab, insbesondere vom Zugang zu Krediten und der Verfügbarkeit von Finanzmitteln (Subventionen). Sie wird auch durch die geringe Beteiligung kleiner Betriebe an der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette geschwächt.

In der lebhaften Diskussion wurden viele Themen angesprochen, unter anderem die Digitalisierung in der Landwirtschaft und die Frage, wer die Welt in Zukunft ernähren wird. Sergiy Zorya bekräftigte, dass die Digitalisierung ein großes Thema bei der Weltbank ist und stellte die Frage, ob und inwieweit die digitale Landwirtschaft die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte ersetzen wird. Kleinbäuerinnen und -bauern werden besonders betroffen sein, wenn sie außer der Landwirtschaft keine anderen Optionen haben. Sara Savastano wies darauf hin, dass sich auch der IFAD dem Privatsektor öffne und dies insbesondere in Bereichen wichtig sei, in denen die digitale Technologie eine Rolle spielt. Lino Dias beantwortete kritische Fragen zur Motivation von Bayer, sich für Kleinbäuerinnen und -bauern zu engagieren, indem er erklärte, dass das Unternehmen neben seinem sozialen Engagement die Kleinbäuerinnen und -bauern auch als Zukunftsmarkt wahrnimmt. Obwohl dieser Markt schwer zu erschließen sei, wird er als Chance gesehen. In Bezug auf die Frage, wer die wachsende Bevölkerung in Zukunft ernähren wird, waren sich die Diskussionsteilnehmenden einig, dass die Kleinbäuerinnen und -bauern vor allem in Asien weiterhin eine entscheidende Rolle spielen werden. Schließlich verdeutliche Sara Savastano erneut, dass kleine Landwirtinnen und Landwirte sich mehr auf Produkte von hervorragender Qualität konzentrieren müssen, um in die Märkte der entwickelten Länder einzutreten, da dies für Verbraucherinnen und  Verbraucher mit steigenden Einkommen immer größere Bedeutung erlangt.

Das IAMO Forum 2019 wurde von der Abteilung Agrarpolitik des IAMO in Kooperation mit der Weltbank organisiert. Die Konferenz wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Land Sachsen-Anhalt, der Rentenbank, dem Leibniz-WissenschaftsCampus „Eastern Europe - Global Area“ (EEGA) und der Stadt Halle (Saale) finanziell gefördert. Weitere Informationen zur Konferenz finden Sie unter: www.iamo.de/forum/2019.

Im kommenden Jahr findet das IAMO Forum vom 24. - 26. Juni 2020 in Halle (Saale) statt. Es wird sich mit dem Thema „Digital transformation – towards sustainable food value chains in Eurasia” beschäftigen.

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Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

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