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03. Februar 2020 | PM 02/2020

Chancen und Hindernisse im internationalen Agrarhandel mit Osteuropa und Asien

Erkenntnisse einer Podiumsdiskussion auf dem Global Forum for Food and Agriculture

Durch die Globalisierung hat der Handel mit Agrargütern seit der Jahrtausendwende intensiv zugenommen. Mehr als ein Viertel des weltweiten Agrarhandels fällt heute auf Osteuropa, Zentralasien und Asien. Trotz der bisherigen Entwicklungen stehen die Produzenten dieser Regionen noch vor großen Herausforderungen, um bei den weltweiten Qualitätsstandards und der geforderten Transparenz von Lieferketten mithalten zu können. So trafen sich am 17. Januar 2020 auf dem Fachpodium mit dem Titel „Handel treiben, Vertrauen liefern: Qualität und Transparenz im internationalen Agrarhandel mit Osteuropa und Asien“ in Berlin knapp 130 internationale Gäste aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um über die Integration der Agrarproduzenten Osteuropas und Asiens, die bestehenden Implementierungshindernisse sowie Trends im internationalen Agrarhandel zu diskutieren.

In der Eröffnungsrede erörterte IAMO-Direktor Prof. Dr. Dr. h. c. Thomas Glauben, dass der Zugang zu Märkten und ein funktionierender Handel entscheidende Voraussetzungen für das Wachstum der Nahrungsmittelproduktion darstellen. Im letzten Jahrzehnt konnte das weltweite Handelsvolumen von Agrarprodukten und Lebensmitteln fast verdreifacht werden, was zum Großteil auf Schwellen- und Entwicklungsländer zurückzuführen sei. In der Vergangenheit waren Nahrungsmittelexporte zentralasiatischer Nationen zumeist auf die direkten Nachbarländer oder andere zentralasiatische Handelspartner beschränkt. Heute versuchen die Exporteure dieser Länder ihre Agrargüter auf den internationalen Märkten, insbesondere den stark umkämpften Märkten Europas, anzubieten. Für die Produzenten und Händler stellen der hohe Wettbewerbsdruck und die Erwartungen der Konsumenten jedoch bisher noch große Hindernisse beim Eintritt in die neuen Märkte dar. Die Einführung digitaler Lösungen und einheitlicher Zertifizierungsprogramme können gute Chancen bei der Verbesserung der Effizienz und Transparenz von Handelsbeziehungen liefern und damit einen wesentlichen Teil zur Integration eurasischer Nahrungsmittelketten beitragen.

Im Grußwort beschäftigte sich Uwe Feiler, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), mit der zentralen Frage, wie die regionale Wirtschaft und der internationale Handel im Agrarsektor gestärkt werden könne. Das Ziel des Landwirtschaftsministeriums sei es, im Rahmen von verschiedenen Kooperationsprojekten und bilateralen Gesprächen neue internationale Nahrungsmittelmärkte zu öffnen, faire Handelsbeziehungen zu fördern und einheitliche Qualitätsstandards in der Lebensmittelbranche zu definieren.

In der anschließenden Podiumsdiskussion wies der usbekische Landwirtschaftsminister S.E. Jamshid Khodjaev auf die derzeit geplanten Reformen im Agrarsektor Usbekistans hin. So solle zukünftig das öffentliche Verwaltungssystem im Land verbessert, Gesetzesgrundlagen zwischen den Bereichen Herstellung, Verarbeitung und Vermarktung angepasst, internationale Handelsbeziehungen aufgebaut,  Investitionen für die Industrie gewonnen sowie die Anschaffung moderner und ressourcenschonender Technologien gefördert werden. Im Mittelpunkt der Regierungsaktivitäten stehe insbesondere, die Landwirte beim Eintritt in internationale Märkte zu unterstützen. Dabei solle das Verständnis für die erforderlichen Handelsstandards durch persönliche Expertengespräche, Angebote digitaler Dienste und gezielter Trainingsprogramme  geschult werden.

Der ukrainische Vizeminister für wirtschaftliche Entwicklung, Handel und Landwirtschaft, Taras Kachka, machte auf dem Podium deutlich, welche essenzielle Bedeutung Transparenz und Vorhersagbarkeit im internationalen Handel haben. Um das Vertrauen der Handelspartner in der EU aber auch weltweit zu gewinnen, lege die Ukraine bei der Lebensmittelproduktion einen besonderen Wert auf die strenge Einhaltung von Sicherheits- und Qualitätsstandards. Regelmäßige Lebensmittelkontrollen durch Inspekteure und der Einsatz neuester Technologien beim gegenseitigen Datenaustausch sollen die Kommunikation und Zusammenarbeit mit internationalen Handelspartnern verbessern sowie den Export ukrainischer Nahrungsmittel verstärken.

Dr. Kristian Möller, Geschäftsführer von GlobalG.A.P., berichtete von den Bemühungen seiner Organisation, ein weltweit anwendbares Sicherungs- und Zertifizierungssystem in der Landwirtschaft einzuführen. Das Ziel sei es, freiwillige Qualitätsstandards für die Produktionsverfahren von Agrarerzeugnissen zu entwickeln, das innerhalb der gesamten Lieferkette - vom Produzenten über Lieferanten bis hin zum Käufer - anerkannt sei. Anhand dieses Systems können landwirtschaftliche Produkte einheitlich zertifiziert werden, was Sicherheit für die internationalen Handelspartner und Transparenz auf den Weltmärkten liefert. Das System würde bereits in einigen Ländern und Bereichen angewendet, jedoch müssen nationale Gesetzgebungen, technische Kontrollmechanismen und Ausbildungsverfahren fortlaufend überprüft und angepasst werden.

Über die Zusammenarbeit der ukrainischen Produzenten mit dem Großkonzern Metro AG sprach Britta Gallus, Direktorin für Lieferkettenmanagement bei der Metro AG. Um die Einhaltung von Qualitätssicherheit und -standards der Produkte zu garantieren, lege das Unternehmen großen Wert auf die Unterstützung und Schulungen der Landwirte sowie einen starken Austausch in der gesamten Lieferkette. Dabei stünden vor allem Nachhaltigkeit, die Vermeidung von Lebensmittelverschwendungen, die Produktion von Bioprodukten und proteinreichen Lebensmitteln im Fokus des derzeitigen Agrarhandels.

Trotz erster Ansätze ein einheitliches Zertifizierungsprogramm in der Lebensmittelbranche zu etablieren, seien nach Ansicht der IAMO-Wissenschaftlerin Dr. Lena Kuhn zunächst noch zahlreiche Hindernisse zu überwinden. In einzelnen Ländern gäbe es vor allem Missverständnisse darüber, wie sinnvoll die Einführung solcher internationalen Qualitätsstandards sei und wie dies tatsächlich realisiert werden könne. Zudem sei die Umsetzung mit langwierigen Implementierungsprozessen und hohen Investitionskosten für neue Technologien, Schulungen der Mitarbeitenden und den Einsatz von Kontrollinstanzen verbunden. Sie verwies darauf, dass sich kleine Bauernbetriebe die damit verbundenen finanziellen, personellen und zeitlichen Aufwendungen kaum leisten und sich damit nur schwer auf den internationalen Märkten behaupten könnten.

Die Moderatorin Julia Harnal, Vorsitzende der German Agribusiness Alliance, stellte zum Schluss der Diskussionsrunde fest, dass Transparenz eine wichtige Rolle beim Handel auf internationalen Märkten einnehme. Weltweit anwendbare Qualitätsstandards, moderne Technologien, Schulungen von Landwirten und Kontrolleuren helfen dabei, dass Vertrauen zu internationalen Handelspartnern aufzubauen. Trotz guter Aussichten auf die Ausweitung des Agrarhandels mit Osteuropa und Asien, müssen noch zahlreiche Herausforderungen gelöst werden. Ein ständiger Austausch und intensiver Dialog zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft seien dabei unabdingbar.

Organisiert wurde das Fachpodium vom IAMO, der German Agribusiness Alliance und dem Ost-Ausschuss - Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft e.V., in Kooperation mit dem Deutsch-Chinesischen Agrarzentrum.

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Über das GFFA

Das 12. Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) fand vom 16. bis 18. Januar 2020 unter dem Titel „Nahrung für alle! Handel für eine sichere, vielfältige und nachhaltige Ernährung“ in Berlin statt. Es wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in Kooperation mit dem Senat von Berlin, der Messe Berlin GmbH und dem GFFA Berlin e.V. veranstaltet. Allgemeine Informationen zum GFFA 2020 erhalten Sie auf der Konferenzwebseite: www.gffa-berlin.de.

Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

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