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03. November 2015 | PM 14/2015

Beschäftigung von Migranten kann dem Fachkräftemangel in der ostdeutschen Landwirtschaft entgegenwirken

IAMO Policy Brief 25 greift aktuelle Problemlage auf

Eine aktuelle IAMO-Veröffentlichung untersucht bisherige Erfahrungen der Betriebsleiter und Aussichten für die Beschäftigung von Migranten in der ostdeutschen Landwirtschaft. Durch Renteneintritte vor allem qualifizierter Mitarbeiter entsteht in den kommenden Jahren eine erhebliche Fachkräftelücke. Je nach Produktionsschwerpunkt kann sich jeder zweite bis dritte Betriebsleiter in Sachsen-Anhalt vorstellen, die Lücke durch ausländische Mitarbeiter zu füllen oder tut dies bereits. Während der größte Bedarf bei Fachkräften besteht, setzen die Betriebe Ausländer bisher vor allem als Erntehelfer ein. Absolventen von osteuropäischen Agraruniversitäten stellen eine mögliche Zielgruppe für die künftige Gewinnung von Fachkräften dar. Auch viele Flüchtlinge stammen aus landwirtschaftlich geprägten Herkunftsländern. Auswahl, Anwerbung, Weiterbildung und Eingliederung von Mitarbeitern ausländischer Herkunft werden jedoch erhebliche Kosten verursachen.

Den Autoren zufolge werden in Sachsen-Anhalt bis 2020 fast doppelt so viele Arbeitnehmer die Landwirtschaft altersbedingt verlassen wie im gleichen Zeitraum einen landwirtschaftlichen Berufsabschluss ablegen. Nur jedes zehnte Unternehmen bildete im Jahr 2014 Nachwuchskräfte in landwirtschaftlichen Berufsgängen aus und nur jedes vierte Unternehmen hält überhaupt Ausbildungsplätze bereit. Für einen erheblichen Anteil der Betriebsleiter kommen ausländische Fachkräfte zur Abwendung des Fachkräftemangels in Frage. In nahezu jedem zehnten Milchviehbetrieb in Sachsen-Anhalt werden bereits ausländische Fachkräfte eingesetzt. In absoluten Zahlen stellen bisher jedoch lediglich die ausländischen Saisonarbeitskräfte eine bedeutsame Gruppe dar. Sie stammen vor allem aus Polen und Rumänien.

„In der Landwirtschaft handelt es sich oftmals um Tätigkeiten, für die sich Betriebsleiter teils seit vielen Jahren vergeblich um deutsche Nachwuchskräfte bemühen“, erläutert Prof. Dr. Martin Petrick vom IAMO, einer der Autoren der Studie. „Diese Anstrengungen sollten im Hinblick auf die Gewinnung von Jugendlichen für eine landwirtschaftliche Ausbildung weiter verstärkt werden. Doch gerade im Bereich der Fachkräfte stellen Migranten eine Alternative dar, die die Betriebsleiter bisher nur wenig beachtet haben. Die derzeitige Flüchtlingssituation bietet einen Anlass, hier aktiv zu werden.“

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojektes „Kompetenzmanagement zum Aufbau ausländischer Arbeitskräfte zu Fachkräften in der Landwirtschaft“ (Alfa-Agrar) untersuchten die Autoren die Bedingungen, unter denen Fachkräfte aus Bulgarien und Russland eine Beschäftigung in der ostdeutschen Landwirtschaft aufnehmen würden. Besonders jüngere, in ihren Herkunftsländern beruflich und sozial noch nicht verankerte Absolventen gaben an, die Auswanderung als Karrieremöglichkeit zu erwägen. Dies traf vor allem dann zu, wenn sie bereits über Auslandserfahrungen verfügten, etwa im Rahmen von Praktika oder Urlaubsreisen. Der Untersuchung zufolge werden sie den Weg in die ostdeutsche Landwirtschaft aber nur finden, wenn Arbeitgeber und Vermittlungsagenturen sie gezielt über ihre Beschäftigungsmöglichkeiten informieren, sie durch Sprach- und Fachkurse weiterbilden und ihnen Integrationspaten zur Seite stellen.

Über die Qualifikationen und Berufserfahrungen der Asylsuchenden der jüngsten Flüchtlingswelle existiert nur wenig gesichertes Wissen. In den wichtigsten Herkunftsländern der Flüchtlinge ist ein erheblich größerer Anteil der Erwerbstätigen im Agrarsektor beschäftigt als in Deutschland. Die Produktionstechnologien in der Landwirtschaft und die dadurch bestimmten Berufserfahrungen dürften sich zwischen den Herkunftsländern und Deutschland jedoch erheblich unterscheiden.

Nach Einschätzung der Autoren stellt die Eingliederung von ausländischen Beschäftigten in die Agrarunternehmen keinen Selbstläufer dar, sondern erfordert erheblichen Aufwand an Zeit und Geld. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung in den traditionellen Herkunftsländern Osteuropas durch Geburtenrückgang und Überalterung ebenfalls zu schrumpfen beginnt. Im Hinblick auf dieses Kriterium ist die Gruppe der Asylsuchenden günstiger zusammengesetzt. Eine Schwerpunktsetzung auf die Strategien Ausbildung von Einheimischen einerseits und Anwerbung von Ausländern andererseits bedarf einer sorgfältigen Abwägung auf einzelbetrieblicher Ebene. In beiden Fällen werden die Betriebe in die Bildung der einzelnen Mitarbeiter investieren müssen.

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IAMO Policy Brief 25

; ; ; ; ; (2015): Beschäftigung von Migranten in der ostdeutschen Landwirtschaft. IAMO Policy Brief No. 25, Halle (Saale).

IAMO Policy Briefs

Mit den IAMO Policy Briefs bezieht das IAMO aufbauend auf die eigene Forschung zu wichtigen agrarpolitischen Fragen Stellung. In der Publikationsreihe werden verschiedene gesellschaftsrelevante Themen kurz und allgemeinverständlich dargestellt. Zur Zielgruppe zählen insbesondere Entscheidungsträger der Politik, Wirtschafts- und Medienvertreter sowie die interessierte Öffentlichkeit. Seit 2011 werden die IAMO Policy Briefs in unregelmäßiger Folge veröffentlicht.

Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

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